Lore Heuermann Malerin, Grafikerin Kunst Wien Zeichnungen
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Performance Wien 2000

Kalligrafische Performance.
Ein möglicher Zugang und eine Deutung

(1999, aus "Zeitschrift für Musik-, Tanz- und Kunsttherapie", Verlag Hogrefe/Göttingen)

Ausgehend von Anmerkungen über den Sinn und die Bedeutung von Performances als einer möglichen Form von Kunst beschreibe ich im Folgenden meine persönliche Erfahrung mit dieser Form der Arbeit. Die Zusammenarbeit mit japanischen Musikern im Rahmen einer Performance verdeutlicht meine Aussagen zum Medium Performance allgemein: Es stellt eine besondere Form des gemeinsamen Handelns und Tuns dar. Durch den Wechsel der Wahrnehmung über das Auge und über das Ohr bei diesen Veranstaltungen gibt es eine Verbindung und eine Überschneidung von Musik und Zeichnung. Verschiedene Sinne werden gleichzeitig angesprochen.

Vorausgeschickt! Es zeigt sich, dass auch in der bildenden Kunst es nicht mehr genügt, nur Bilder an die Wand zu hängen oder einfach Objekte in den Raum zu stellen. Die Menschen suchen einen besseren Zugang durch verschiedene neue Methoden, um ihre enge Welt auszudehnen. Viele wollen nicht mehr nur über die Augen berührt werden. Und so manches wird über den "Kopf" näher gebracht. Analysiert, kommentiert, archiviert und mit Fakten beladen vorgestellt. Und doch scheint es immer noch nicht genug zu sein für ein besseres Verständnis und es dient auch nicht einer neuen Sicht der Welt.

Musiker und Zeichner haben schon immer zwei verschiedene Wege gewählt, um das für sie Wichtige entsprechend auszudrücken. Und es hängt natürlich auch mit der Funktion der Musik als einem reproduzierenden Medium zusammen. Vielleicht sind auch einige bildende Künstler unabhängig mit ihrem Kunstausdruck und damit autonom. Es geht also auch um Freiheit und ein anderes Bewusstsein in der Arbeit. Mit der neuen Musik im Experimentellen und im Improvisieren kann ein Musiker versuchen, gemeinsam auf den Augenblick zu reagieren: eine andere Dimension als bloß die gute Wiedergabe von alter Musik.

Aber immer noch gibt es zwischen diesen beiden Kunstrichtungen kaum Berührungen. Bildende Künstler in den 70ern, zB die Performance-Künstlerin Laurie Anderson, versuchten diese Spezialisierungen aufzubrechen. Mit großem Erfolg und mit großer Anteilnahme der Künstler. Arnold Schönberg setzte sich schon sehr früh auch mit der Malerei auseinander, und es ist nicht nur besonders interessant, sondern auch für ihn ein gewaltiger geistiger Sprung, sein ihm vertrautes Medium zu verlassen. Aber in erster Linie hat er doch eine Bedeutung als Musiker und er setzt sich nicht mit der gleichen Intensität und Dauer mit der Malerei auseinander.

Paul Klee ist der mir bekannte einzige bildende Künstler von internationaler Bedeutung, dessen Begabungen gleichwertig in beiden Richtungen lagen. Er kommt aus einer Musikerfamilie und hat zeitlebens auch musiziert, aber er entschied sich für ein Entweder-Oder. Allerdings gibt es viele Strukturen und Titel, die sich auf die Musik beziehen in seiner Arbeit. Zusätzlich hatte er eine außerordentliche sprachliche Begabung, wie wir an seinen Schriften und auch an seinen ungewöhnlichen Bildtiteln sehen können. Auch der Dadaismus sprengt anarchistisch und ziemlich radikal, spielerisch und lustvoll beeindruckend allgemeine Kunstgrenzen.

Auch im Bauhaus gab es verschiedene ernsthafte Experimente, unter anderem auch von Oskar Schlemmer, eine Verbindung von Malerei, Musik und Tanz herzustellen. krieg und Nachkriegszeit bremsen solche Entwicklungen. Es verlangt ein anderes geistiges Klima, Neues entstehen zu lassen. Es ist immer nur eine Frage des "Wie" und keinesfalls des "Was".

Und nun zu mir. Ich selber habe am ehesten noch eine besondere Beziehung zu Bewegung und Tanz. Auf dem Gebiet der Musik bin ich sicherlich als ein Analphabet zu bezeichnen. Natürlich liebe ich Barockmusik und besonders Bach. Aber diese Musik zu lieben, ist sicherlich nicht sehr schwierig. Und das Neue auf diesem Gebiet ist mir unvertraut. Und es kostst mich große Kraft und viel Zeit, mein traditionelles Bein zu bewegen. Und ich habe immer noch nicht ausreichende Informationen und damit nicht wirklich einen allgemein gültigen Qualitätsbegriff über zeitgenössische Musik.

Ich habe 1996 angefangen, mit Musik zusammen zu arbeiten und zwar in Japan. Es war eines der österreichischen Milleniumsprojekte für Kulturveranstaltungen im Ausland. Ich nehme an, dass es leichter ist, in der Fremde Neues auszuprobieren und Grenzen zu öffnen, weil das allgemein Vertraute fehlt.

Außerdem war ich etwa vier Wochen mit den vierzehn Musikern des Ticom (Tiroler Ensemble für neue Musik, Leitung Günther Zechberger) in Fujino zusammen. Wir wohnten und arbeiteten in einem Haus und ich hatte keine separaten Arbeitsräume. Dort in Fujino habe ich an dreizehn Konzerten teilgenommen und versucht, gleichzeitig darauf, zeichnerisch zu reagieren während wir eine gemeinsame innere Struktur entwickelten. Es war vollständig neu und ungewohnt für mich und gar nicht so leicht. Natürlich habe ich auch verschiedene Gespräche, vor allem mit Günther Zechberger, geführt, um den gemeinsamen Arbeiten in meinem Bereich eine angemessene äußere Struktur zu geben. Die Qualität wuchs mit der Erfahrung. Bei der ersten gemeinsamen Performance auf offener Bühne vor Publikum haben die Musiker, so fühlte ich, auch auf mich reagiert; so haben wir uns gegenseitig beeinflusst mit abwechselnder Expression und Intensität, ohne unsere ursprünglichen Absichten ganz aus dem Auge zu verlieren. Nicht nur über den Ohren- sondern auch über den Augenkontakt hielt ich Nähe zu den Musikern. Ich versuchte, diesen verschiedenen Eindrücken einen dafür passenden kalligrafischen Ausdruck zu geben, ohne mit Klischees und Wiederholungen zu arbeiten. Denn eine Illustration der Musik durfte es auf keinen Fall geben. Natürlich fließen immer auch alte Erfahrungen mit ein, aber vor allen Dingen ist es Konzentration, Veränderung und Verwandlung.

Aber das, was auch wirklich passiert, ist die Verbindung, die für den Moment der Aufführung zwischen den verschiedenen Menschengruppen entsteht, ist das Neuartige, Bewegende. Und es passiert hauptsächlich im Gefühlsbereich. Und es bedeutet für alle Anwesenden ein Sich-Einlassen auf Unbekanntes. Natürlich leben wir in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die alles genau und fast ausschließlich über den Kopf erfahren will. Und in den Momenten der Empfindungen von solchen nicht gänzlich vorhersehbaren Abläufen stehen einige doch äußerst skeptisch, oder zumindest ambivalent gegenüber.

Sicherheit sind wir gewohnt.
Fremdes kann Feindschaft machen.
Erfahre ich etwas über mich oder das Leben dabei?

Und trotzdem, wann es gelingt, diesen Aufführungen ohne Vorurteile zu begegnen, kann man einen Gewinn daraus ziehen. Und seine eigene Empfindsamkeit stärken: Natürlich hängt es von der inneren und äußeren Verfassung aller Teilnehmer ab. Diese Dichte des Augenblicks, die sich nur schwer in Worte fassen lässt, und die Zeit vergessen macht, ist für den dafür offenen Menschen deutlich spürbar.

Viele Teilnehmer versuchen, sich anschließend über dieses Erlebnis positiv zu äußern. Trotzdem meine ich, die deutsche Sprache ist nicht differenziert genug, um all diese unterschiedlichen Emfpindungen angemessen auszudrücken. Und ich habe in diesem Bereich viele verschiedene Erfahrungen mir fremden Kulturen gemacht. Ich habe in Japan und Indien Performances gehabt, im Wladviertel und in einem kleinen Weiler in Tirol in den Bergen. Die Menschen fühlen sich immer berührt. Es verlang nur Neugierde, einsteigen zu wollen in die unbekannte Situation.

Ein anderer Versuch ist es, zusätzlich zur Musikperformance mit sich bewegenden oder tanzenden Menschen zu arbeiten. Es ist eine andere Dimesion und kann von der Musik ablenken. Aber ich kann beim Arbeiten die inneren und äußeren Impulse rascher verwandeln, da ich die grafische Grundstruktur nicht erfinden, sondern nur verwandeln muss.

Es geht immer auch darum die grafische Form lebendig und sensibel und nicht stereotyp zu entwickeln. Ich muss immer das Alte vergessen, um das Neue zu schaffen. Und dabei keine Perfektion entwickeln. Während ich also weiß, dass viele Zuschauer anwesend sind, muss ich sie gleichzeitig vollständig vergessen können. Zu den bei diesen Performances entstehenden Arbeiten kann ich nur sagen, dass diese genau so gut oder schlecht sind wie andere Arbeiten an denen ich in nicht zu langen intensiven Arbeitsphasen gearbeitet habe.

Wie immer werden nur wenige Arbeiten wirklich sehr gut. Und das hängt von meiner Energie und Empfindsamkeit ab. Aber das Wichtige bei diesen kalligrafischen Musikperformance ist dieser Gemeinsame Moment des gemeinsamen TUNS, des sich ständig verändernden Augenblicks, an dem künstler der verschiedenen Ausdrucksmitteln intensiv zusammenarbeiten. Dieses Aufeinanderzugehen, ohne dabei seine eigenen Absichten aus dem Auge zu verlieren, ergibt neue Qualitäten, die sich treffen, teilweise überschneiden und Neues entstehen lassen.

Und diese Situation ist immer spannend und ungewohnt und trotz intensiver Hingabe an die Arbeit ein immer neues Spiel. Neues teilt sich also nicht nur über vertraute Erfahrungswege mit.

 
Performance im Stift Pernegg mit Sabine Sonnenschein

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